Der Körper neu gedacht: Aktfotografie in der Moderne (1920er–1960er Jahre)

Der Modernismus war kein neues Kapitel in der Kunst, sondern ein Bruch mit dem Bestehenden. Angetrieben von Freuds Karte des Unterbewusstseins, dem Trauma zweier Weltkriege und einer offenen Revolte gegen die viktorianische Moral machten sich die Künstler auf die Suche nach einem Menschenbild, das der neuen menschlichen Existenz entsprach. Für Fotografen war der Akt nicht länger eine klassische Form, die es zu perfektionieren galt, sondern wurde zum Rohmaterial für Experimente: zerlegt, verzerrt, solarisiert, zu einer Landschaft zugeschnitten, ohne Umschweife dokumentiert. Das Vokabular, das diese Experimente zwischen den 1920er und 1960er Jahren hervorbrachten, ist noch immer das, in dem aktive Fotografen heute sprechen.

I in Berlin Aktfotografie betreiben und unterrichten, und ich kehre aus einem ganz bestimmten Grund immer wieder zu dieser Ära zurück: Damals hat das Genre gelernt, dass es nicht um die Darstellung, sondern um die Verwandlung geht.

Konventionen brechen: Surrealismus und Abstraktion

Die stilistische Explosion zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass die Fotografie über die reine Dokumentation hinausging. Die Kamera wurde zu einem Mittel, um die Realität zu konstruieren, anstatt sie nur zu dokumentieren, und zwei Amerikaner, die einen Ozean voneinander getrennt arbeiteten, definierten die beiden Pole dieser Konstruktion.

Man Ray (1890–1976): Die Traumlogik des Körpers

Schwarz-Weiß-Porträt des Dadaisten und Surrealisten Man Ray

Man Ray

Als zentrale Figur sowohl des Dadaismus als auch des Surrealismus betrachtete Man Ray die Fotografie als ein fließendes, widerspenstiges Medium, dessen Zweck darin bestand, Zugang zur Traumwelt zu verschaffen, und nicht darin, die Realität originalgetreu wiederzugeben. "Le Violon d’Ingres" (1924) ist der meistzitierte Witz jener Zeit und zugleich eines ihrer ernsthaftesten Bilder: Indem er die F-Löcher einer Geige auf den Rücken seines Modells und seiner Muse Kiki de Montparnasse malte, verschmolz er Frau und Instrument zu einem einzigen visuellen Wortspiel, das seit einem Jahrhundert diskutiert, gefeiert und kritisiert wird.

„Le Violon d’Ingres“ von Man Ray, 1924: der Rücken von Kiki de Montparnasse, auf das Foto sind Geigen-F-Löcher gemalt

"Le Violon d’Ingres" (1924) von Man Ray

Seine technische Handschrift, die Solarisation – bei der der Abzug während der Entwicklung erneut dem Licht ausgesetzt wird, sodass sich die Töne teilweise umkehren –, wurde um 1929 zufällig in seiner Dunkelkammer wiederentdeckt, als er mit Lee Miller zusammenarbeitete, seiner Partnerin und selbst einer herausragenden Fotografin. Auf Aktfotografien angewendet, wie in "Primat de la matière sur la pensée" (1929), verleiht sie dem Körper einen metallischen, skulpturalen, leicht fremdartigen Charakter: Fleisch, dessen physikalische Eigenschaften verändert wurden. Die Lehre, die sein gesamtes Werk vermittelt, ist unmissverständlich: Ein Foto ist ein konstruiertes Werk, und die Vorstellungskraft des Schöpfers hat Vorrang vor dem Aussehen des Motivs.

„Primat de la matière sur la pensée“ von Man Ray, 1929: ein solarisierter liegender Akt mit teilweise invertierten Tönen

"Primat de la matière sur la pensée" (1929) von Man Ray

Edward Weston (1886–1958): Der Körper als reine Form

Porträt des Fotografen Edward Weston mit seiner Großformatkamera

Edward Weston

Weston schlug den umgekehrten Weg zum gleichen Ziel ein. Als zentrale Figur der 1932 gegründeten Gruppe f/64, deren Schwerpunkt auf scharfer Fokussierung und unmanipulierter "Straight Photography" lag, fand er das Wunderbare nicht in der Dunkelkammer, sondern im Betrachten. Sein "Nude" (1936), aufgenommen mit Charis Wilson in den Dünen von Oceano, beschneidet den Körper so, dass Oberkörper und Oberschenkel wie vom Wind geformte Sandgestalten wirken; die Nennung des Modells ist von Bedeutung, denn Wilson war eine echte Mitwirkende an dem Werk, keine anonyme Requisite. "Pepper No. 30" (1930) ist zwar ein Gemüse, verkörpert jedoch offen die Philosophie: Form ist Form, und eine mit vollster Aufmerksamkeit fotografierte Paprika strahlt dieselbe muskulöse, verzerrte Erhabenheit aus wie ein Torso.

„Nude“, 1936, von Edward Weston: Charis Wilsons im Bildausschnitt gezeigte Silhouette auf den Dünen von Oceano wirkt wie aus Sand geformt

"Nude" (1936) von Edward Weston

„Pepper No. 30“ von Edward Weston, 1930: eine Paprika, dargestellt mit der kraftvollen Ausstrahlung einer Aktstudie

"Pepper No. 30" (1930) von Edward Weston

Der weibliche Blick taucht auf

Diese Ära führte auch zu einer Öffnung der Autorenlandschaft in diesem Genre. Fotografinnen schlossen sich dem modernistischen Experiment an und lenkten es weg von der objektivierenden Standardperspektive – eine Entwicklung, deren gesamter Verlauf in Unser Artikel über die Frauen, die das Aktbild neu definiert haben.

Imogen Cunningham (1883–1976)

Porträt der Fotografin Imogen Cunningham in ihren späteren Jahren

Imogen Cunningham

Als Mitglied der Gruppe f/64 übertrug Cunningham deren strenge Disziplin auf eine Intimität, die ihre männlichen Kollegen selten erreichten. "Triangles" (1928) abstrahiert einen Torso in sich überschneidende geometrische Formen, ohne dabei jemals klinisch zu wirken, und "Two Sisters" (1928) zeigt zwei Frauen in einer sanften Nähe, die eher von Zusammenarbeit als von Beobachtung geprägt wirkt. Ihre Aktbilder wirken wie eine Übereinkunft zwischen Menschen, was an sich schon eine modernistische Innovation war.

„Triangles“ von Imogen Cunningham, 1928: ein nackter Oberkörper, abstrahiert in sich überschneidende geometrische Formen

"Triangles" (1928) von Imogen Cunningham

„Two Sisters“ von Imogen Cunningham, 1928: eine zarte, mit Weichzeichner aufgenommene Darstellung zweier nackter Frauen, die gemeinsam ruhen

"Two Sisters" (1928) von Imogen Cunningham

Diane Arbus (1923–1971)

Diane Arbus mit ihrer Kamera in der Hand, im Spiegel fotografiert

Diane Arbus

Am äußersten Rand dieser Ära trieb Arbus den dokumentarischen Impuls bis zu seiner ehrlichen Konsequenz voran. Ihre Aktfotos sind Teil ihres umfassenderen Projekts, Menschen zu fotografieren, die der Mainstream nicht wahrnehmen wollte, und "Pensionist und seine Frau eines Morgens zu Hause in einem FKK-Camp, New Jersey" (1963) behandelt Nacktheit als eine schlichte Tatsache zweier konkreter Leben. Keine Idealisierung, keine Erotik, keine Rechtfertigung: der moderne Akt als Zeugnis.

Ein Rentner und seine Frau zu Hause in einem FKK-Camp, New Jersey, 1963, von Diane Arbus

"Ein Rentner und seine Frau …" (1963) von Diane Arbus

Aktmalerei-Workshops · Berlin & Istanbul

Die Modernisten haben bewiesen, dass der Akt als reine Form untersucht und in eine Idee verwandelt werden kann. Diese Disziplin bildet das Rückgrat unserer Workshops: Jede Ausgabe basiert auf einem Konzept, Sexualität wird bewusst auf den dritten oder vierten Platz hinter Thema, Form und Zusammenarbeit zurückgedrängt, und man lernt, Verwandlungen zu schaffen, nicht nur Darstellungen.

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Der Körper als Landschaft und Dokument

Bill Brandt (1904–1983)

Porträt des Fotografen Bill Brandt

Bill Brandt

Brandt erzeugte seine Verzerrungen vor der Linse und nicht dahinter. Mit einer antiken Kodak-Weitwinkelkamera, wie sie einst für Polizeiaufnahmen verwendet wurde – deren extremes Objektiv und winzige Blende niemals für die Kunst gedacht waren –, dehnte er Räume und Körper zu spannungsgeladenen, traumhaften Geometrien aus. In "Nude, East Sussex Coast" (1953) aus dem als "Perspectives of Nudes" veröffentlichten Projekt werden ein langgestreckter Arm und ein Ohr an einem Kieselstrand zu einer Landschaft, die es nie gegeben hat, wobei das Fleisch wie verwitterter Stein wirkt. Er bewies, dass die Optik allein – ganz ohne Tricks in der Dunkelkammer – die volle surrealistische Ausdruckskraft tragen konnte.

„Nude, East Sussex Coast“ von Bill Brandt, 1953: Ein durch Weitwinkelaufnahme verzerrter Arm und ein Ohr an einem Kieselstrand, die als Landschaft interpretiert werden können

"Akt, Küste von East Sussex" (1953) von Bill Brandt

Brassaï (1899–1984)

Ein Porträt des ungarisch-französischen Fotografen Brassaï.

Brassaï

Brassaï, der als Gyula Halász in Siebenbürgen geboren wurde, wurde nach der Veröffentlichung seines Buches "Paris de nuit" im Jahr 1932 zum maßgeblichen Chronisten des Pariser Nachtlebens. Seine Aktfotos aus den 1930er Jahren gehören zu dieser Welt der Liebenden, Tänzer und Bordellzimmer: unidealisierte Körper in realen, stimmungsvollen Innenräumen, auf halbem Weg zwischen Dokumentation und bildender Kunst, ohne sich für eine Seite entscheiden zu wollen. Er gab dem Genre die Erlaubnis, nach der tatsächlichen Stadt zu riechen.

Aktstudie aus Brassaïs Serie über das Pariser Nachtleben der 1930er Jahre: ein nicht idealisierter Körper in einem authentischen, stimmungsvollen Interieur

Brassaï, 1930er Jahre

George Platt Lynes (1907–1955)

Porträt des Fotografen George Platt Lynes

George Platt Lynes

Platt Lynes fotografierte männliche Tänzer und Sportler mit klassischer Bildkomposition und durch und durch moderner Studiobeleuchtung – zu einer Zeit, als solche Bilder das Ende einer Karriere bedeuten konnten. Ein Großteil seiner Arbeiten mit männlichen Aktmodellen zirkulierte zu seinen Lebzeiten nur im privaten Kreis; in seinen letzten Lebensjahren vertraute er einen großen Teil davon dem Institut von Alfred Kinsey an, und erst nach seinem Tod wurden sie vollständig veröffentlicht und fanden Anerkennung. Heute gilt er als Wegbereiter des männlichen Aktes in der Fotografie – Jahrzehnte seiner Zeit voraus, bevor die Kultur schließlich zu ihm aufschloss.

Klassische Aktstudie eines Mannes mit modernistischer Atelierbeleuchtung von George Platt Lynes

George Platt Lynes

Andere Meister der Form und des Lichts

André Kertész (1894–1985)

Selbstporträt des Fotografen André Kertész

André Kertész

Im Jahr 1933 nahm der in Ungarn geborene Kertész einen Auftrag der Pariser Zeitschrift "Le Sourire" an und schuf rund zweihundert Aufnahmen von Aktmodellen, die sich in Zerrspiegeln widerspiegeln: die „Distortions“. Gestreckt, zusammengedrückt, zu unmöglichen Topologien gefaltet, werden die Körper zu reiner Abstraktion, bleiben dabei jedoch unverkennbar lebendig, und die Serie gilt als eine der geistreichsten Auseinandersetzungen der Fotografie mit ihrem eigenen Wahrheitsanspruch. Ein Zeitschriftenauftrag wurde zu einem Meilenstein – was an sich schon eine stille Lektion darüber ist, jeden Auftrag ernst zu nehmen.

Aus André Kertész’ „Distortions“, 1933: ein Akt, der sich in einem gewölbten Spiegel als langgestreckte abstrakte Form widerspiegelt

Aus "Distortions" (1933) von André Kertész

Horst P. Horst (1906–1999)

Porträt des Modefotografen Horst P. Horst

Horst P. Horst

Horsts "Mainbocher-Korsett" (1939) zeigt, wie weit klassische Ästhetik und modernistische Beleuchtung einen teilweise entblößten Rücken zur Geltung bringen können. Das Bild entstand im Pariser Studio der Vogue an seiner letzten Arbeitsnacht in der Stadt, bevor er vor dem herannahenden Krieg floh. Die lockeren Schnürungen und das plastisch wirkende Licht werden seitdem als Eleganz am Rande der Katastrophe gedeutet. Es ist nach wie vor eines der am häufigsten nachgeahmten Fotos aller Zeiten, und seine Wirkung beruht ausschließlich auf einer Entscheidung hinsichtlich der Beleuchtung – ein Thema, das in Unser Leitfaden zur Beleuchtung von Aktmodellen.

„Mainbocher-Korsett“ von Horst P. Horst, 1939: ein teilweise entblößter Rücken mit gelockerten Korsettschnürungen im kunstvoll inszenierten Studio-Licht

"Mainbocher-Korsett" (1939) von Horst P. Horst

Erwin Blumenfeld (1897–1969)

Ein Porträt des experimentellen Fotografen Erwin Blumenfeld.

Erwin Blumenfeld

Blumenfeld war der Alchemist der Dunkelkammer jener Zeit; er kombinierte Solarisation, Montage und Mehrfachbelichtung zu Bildern, in denen das Negativ eher als Ausgangspunkt denn als Ergebnis betrachtet wird. Doch sein sinnlichstes Experiment kam ganz ohne Chemie aus: "Nude under Wet Silk" (Paris, 1937) verhüllt und enthüllt die Figur durch eng anliegenden, durchscheinenden Stoff und verwandelt den Körper in eine Form, die das Auge vervollständigt. Verhüllung als Offenbarung – einmal formuliert und nie übertroffen.

„Nude under Wet Silk“ von Erwin Blumenfeld, Paris 1937: eine Figur, die durch den eng anliegenden, durchscheinenden Stoff mal verdeckt, mal enthüllt wird

"Akt unter nasser Seide" (1937) von Erwin Blumenfeld

Der anhaltende Einfluss der Moderne

Die Moderne verlegte den Akt vom Atelier des Malers in die experimentelle Dunkelkammer und auf die Couch des Psychologen, und jede Strategie in diesem Artikel ist nach wie vor im täglichen Gebrauch: Westons Formverehrung, Brandts optische Verzerrung, Blumenfelds Stoff, Kertész" Spiegel, Arbus" Zeugnis. Meine eigene künstlerische Praxis geht auf diese Ära zurück, allerdings mit einer bewussten Umkehrung: Während die Modernisten den Körper in der Dunkelkammer transformierten, halte ich jede Transformation vor dem Objektiv fest – Stoff, Glas, Wasser und Spiegelung, physisch und in der Kamera –, ohne dass danach etwas hinzugefügt wird. „Tüll“ unten ist ein direkter Nachfahre von Blumenfelds nasser Seide, neunzig Jahre später nach demselben Prinzip entstanden: Was das Material zurückhält, ergänzt der Betrachter. Die Experimente setzten sich in offenem politischem Terrain fort, nachzuverfolgen in die Gegenwart, und ihre Vorgeschichte liegt in die Pionierjahre des Genres.

Fragen, die Leser stellen

Was war die Gruppe f/64?

Ein Kreis von Fotografen der Westküste aus dem Jahr 1932, zu dem unter anderem Edward Weston und Imogen Cunningham gehörten, setzte sich für scharfe Bildschärfe, maximale Schärfentiefe und unbearbeitete "Straight Photography" ein – als bewusste Gegenbewegung zum malerischen Pictorialismus.

Was ist Solarisation?

Das erneute Belichten eines Abzugs oder Negativs während der Entwicklung, wodurch dessen Tonwerte teilweise umgekehrt werden. Man Ray und Lee Miller entdeckten diesen Effekt um 1929 zufällig wieder und machten ihn zu einem surrealistischen Markenzeichen, das die Haut metallisch und skulptural erscheinen lässt.

Warum sind modernistische Aktfotos für Berufsfotografen nach wie vor von Bedeutung?

Denn sie haben die Kernverben des Genres geprägt: abstrahieren, verzerren, dokumentieren, verbergen, enthüllen. Nahezu jeder zeitgenössische Umgang mit dem Körper ist eine Weiterentwicklung eines Ansatzes, der erstmals zwischen 1920 und 1960 verfolgt wurde.

Kann ich diese Transformationstechniken in der Praxis erlernen?

Ja, physisch und vor der Kamera. Unser Workshops in Berlin und Istanbul Arbeit mit Stoff, Reflexion, Optik und Licht innerhalb einer konzeptorientierten Struktur, sodass das modernistische Instrumentarium einer Idee dient, anstatt lediglich als Dekoration zu fungieren.


Wenn die Modernisten lehrten, den Akt zu transformieren, vermitteln unsere Ateliers dieselbe Lektion in der Praxis: konzeptorientierte Arbeiten, bei denen die Sexualität bewusst an dritter oder vierter Stelle steht – hinter Thema, Form und der Zusammenarbeit zwischen Modell und Fotograf –, und bei denen Transformationen physisch, direkt vor der Kamera, entstehen. Unter der Leitung von Burak Bulut Yıldırım, seit 2005 in Berlin tätiger Fotograf und Kurator: seit über vierzehn Jahren Workshops zur Aktfotografie, mehr als 50 Ausgaben, über 300 Fotografen, Ausstellungen in Berlin, Zürich, Barcelona, Rom, Thessaloniki und Heilbronn, Kurator von Aktbilder aus Istanbul (Die Akt Galerie Berlin, 2026).

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Portfolio: burakbulut.org · Limitierte Auflagen auf Saatchi Kunst und Artsper · Kontakt: hello@nudeartworkshops.com